Stille Nacht

9. Dezember

An diesem Morgen hatte der Schneefall etwas nachgelassen und die Mitarbeiter der Straßenwacht freuten sich über die Verschnaufpause, auch wenn weitere und noch heftigere Schneefälle angekündigt worden waren. Die Familie Korbian war früh aufgestanden. Daniel wollte mit seinen beiden Töchtern zum Schlittenfahren gehen. Hinter dem kleinen Tannenwald gab es einen alten Steinbruch, der an einer Stelle eine natürliche Rodelbahn hatte. Carolin hatte die Nase zum Fenster hinaus-gestreckt und sich dann doch überreden lassen, den kleinen Familienausflug mit-zumachen. Und so zogen die vier schon um halb zehn Uhr durch das Dorf, zwei Schlitten im Schlepptau und freuten sich über das Knirschen des Schnees und die Aussicht auf einige schöne Abfahrten.

Anna zog gerade den einen Schlitten, als sie von hinten ein sehr großer Schneeball traf und schon war die schönste Schneeballschlacht im Gange, bei der jeder etwas abbekam, egal wie gut er sich versteckte. Da sie alle in Bewegung blieben, wurde es niemandem so kalt, dass der Ausflug abgebrochen werden musste. Am Stein-bruch waren sie die einzigen, aber es musste wohl schon am Abend vorher jemand mit einem Schlitten ohne Kufen den Hang geglättet haben, denn die Fahrt über den verdichteten Schnee ging so gut, dass sie sogar Wettrennen fahren konnten.

Nach einer Stunde Toben hatten alle genug und Carolin packte Tee und ein paar Lebkuchen aus, die den vieren wieder Kräfte zurück gaben. „So, jetzt gehen wir heim, ziehen uns um und belästigen die Familie Schiller“, sagte Daniel und fand für diesen Vorschlag Zustimmung.

Anna und Sina liefen nebeneinander her, die Eltern kümmerten sich um die Schlit-ten.

„Anna, bist du in Stefan verliebt?“ erkundigte sich die kleine Schwester.

Anna wurde ein bisschen rot und hustete verlegen. „Ähm, ich weiß nicht, ich mag ihn gern, aber ob das schon verliebt ist, keine Ahnung.“

„Und Stefan?“

„Hm, ich glaube, er weiß das für sich schon sehr genau, jedenfalls benimmt er sich so, als wäre er verliebt.“

„Gefällt dir das?“

„Ich finde es schön, einen Freund zu haben.“

„Heißt das, dass du dann in Zukunft keine Zeit mehr für mich hast?“ fragte Sina kläglich.

„Ach was! Du bist meine Schwester und für dich habe ich immer Zeit, und die will ich auch haben. Ich bin ja auch erst dreizehn und da legt man sich – glaube ich – noch nicht so fest.“

„Ich finde ihn auch nett. Er hat nicht diese Art von den Hoppern, die alles besser wissen, die einen wie ein kleines Kind behandeln, weil sie noch keine Zigarette geraucht haben und so was. Das mit dem Lied hat mir gut gefallen. Das können wir immer machen. Und der Pater, der hat ja eine Stimme wie so ein Mönch auf dem Berg Artus in Griechenland.“

Anna lachte: „Artus war ein König in Britannien, der Berg, den du meinst, den wir im letzten Urlaub gesehen haben, heißt Athos.“

„Ah ja, richtig, ich wusste, dass da mit dem Namen etwas nicht stimmte. Ich mag Männerstimmen viel lieber hören beim Singen.“

„Und Mama?“

„Die auch, denn sie klingt nicht so wie diese Opernfrauen, wo man kein Wort ver-steht, wenn sie den Mund aufmachen, aber einem die Ohren piepsen, wenn sie erst mal loslegen.“

Mittlerweile war das Häuschen der Korbians in Sicht und die beiden Mädchen sprangen auf die Schlitten und ließen sich die letzten Meter nach Hause ziehen.

Flugs war die nasse gegen trockene Kleidung getauscht und ein paar selbstgeba-ckene Plätzchen eingepackt, so dass sie bald wieder losgehen konnten. Bei Schillers angekommen, sahen sie gerade noch, wie Stefan die Kellertreppe hinunterstieg. „Was mach der da unten?“, fragte Sina neugierig.

„Dort unten sind die Holzvorräte gestapelt und Stefan ist dafür zuständig, dass immer genug Holz neben dem Ofen liegt.“ Antwortete Anna.

„Na, da wollen wir doch mal ein bisschen mit anpacken“, sagte Daniel und ver-schwand ebenfalls im Keller, von wo sie nach kurzer Zeit einen Schreckensruf hör-ten. „Typisch Papa, wie ein kleines Kind“, lachte Carolin und die drei schauten auf die Kellertreppe, auf der nach kurzer Zeit zwei Gestalten – hochbeladen mit klein-gehacktem Brennholz – auftauchten. „He, ihr könnt die Hände ruhig aus den Ho-sentaschen nehmen, dort gib es auch für euch Holz zum Tragen“ rief Daniel und ging zum Haus voraus.

„Hallo! Schön, dass ihr gekommen seid. Es gibt etwas ganz Leckeres zum Essen und Großmama hatte schon befürchtet, ihr könntet zu spät kommen. Das Holz, das wir beide da jetzt rein schleppen, reicht für eine ganze Woche, da müsst ihr nicht auch noch ...“

„Doch, wir sorgen für die zweite Woche“, sagte Carolin und verschwand mit ihren Töchtern im Dunkel des Kellers.

Das Haus war erfüllt vom Geruch frisch angezündeten Holzes und dem Duft nach einem exotischen Braten, der im Backofen seinem Ende entgegensah. Frieda, mit einer großen Schürze angetan, begrüßte ihre Gäste fröhlich und scheuchte alle bis auf Stefan ins Wohnzimmer. „Stefan kennt sich hier am besten aus, der ist mein Küchenjunge“, erklärte sie verschwörerisch und zog den großen Jungen wieder an ihren Arbeitsplatz.

Der Wohnzimmertisch war schon gedeckt und über ihm hing ein Adventskranz, bestückt mit vier roten Kerzen. Daniel sah sich um, packte eine Streichholzschach-tel und zündete zwei Kerzen an. Dann nahmen die vier Platz und warteten. Jeder hatte irgendetwas im Raum entdeckt, das seine Aufmerksamkeit auf sich zog und war damit beschäftigt, es genauer zu betrachten.

Dann ging endlich die Küchentür auf und Frieda schob einen Servierwagen vor sich her.

Es begann ein munteres Klappern und Lachen und das Essen verging wie im Flug. Die Schüsseln waren bis auf den Boden leergegessen und Frieda sagte zufrieden: „Euch hat es ja geschmeckt. Das sieht eine Köchin gern. Ich räume noch schnell die Küche ...“

Hier wurden heftige Proteste erhoben und am Ende standen alle sechs in der Kü-che und spülten, wischten, trockneten ab und freuten sich darüber, miteinander einen so schönen Sonntag verbringen zu können.

Nach der Aufräumaktion zogen sich die Jugendlichen in Stefans Zimmer zurück und spielten mit viel Spaß und schadenfrohem Gelächter Barrikade.

„Am nächsten Freitag ist mein letzter Schultag in diesem Jahr“, erzählte Stefan und Sina bekam große Augen. „Wieso der letzte? Wir müssen bis zum 21. Dezember die Lehrer ertragen und dann sind zwei Wochen Ferien.“

„Wir hatten im Sommer zwei Wochen weniger, weil wir auf einer Konzertreise waren. Das ist jetzt der Ausgleich. Da kann ich euch auch ein bisschen besser bei den Vorbereitungen für das Krippenspiel helfen. Es müssen ja noch einige Kulissen gebaut werden. Wir haben im Keller eine schöne Schreinerwerkstatt, das ist Frie-das Hobby.“

„Wir können jede vernünftige Hilfe gut gebrauchen“ erwiderte Anna und fühlte, dass es ein schöner Gedanke war, wenn Stefan bald längere Zeit im Dorf sein wür-de.

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